Frauen, Mathe und der nichtexistente stereotype threat

Oh Mann. Woran liegt das eigentlich, dass „Frauen und Mathe“ so eine neverending story ist? Seitdem ich denken kann, wird von sämtlichen Koryphäen und jenen die gerne welche wären gesagt, dass Frauen ja kein Mathe können, generell Naturwissenschaften seien nich so dolle. Genausolang wird versucht, das durch Studien zu widerlegen.Warum zum Geier ist das überhaupt so ein Riesenthema?

Das mag einerseits daran liegen, dass eine Mathematik“begabung“ (wie immer man das definieren mag) generell mit Intelligenz gleichgesetzt wird. Besonders Männer denen Mathematik leichtfällt scheinen darauf zu bestehen ;). Gleichzeitig ist oftmals eine Tendenz vorhanden, sprachliche Fähigkeiten, die naturgemäß eher bei Frauen zu finden seien, abzuwerten. Ich denke den Begriff „Quatschfach“ haben alle schonmal gehört, meistens von den Kollegen die für ihre Drei-Seiten-Aufsätze oder ihr Pidgin-Englisch regelmäßig Vieren kassieren/kassiert haben.
Ich kann das nicht, würde mich aber als (hoch)intelligent bezeichnen, ergo muss das Blödsinn sein. (Und Rechtschreibung sagt doch mal GAR NIX aus!)
Diesen Rechtfertigungsmechanismus sieht man immer wieder, und ja, er ist nervig.
Von da ist natürlich auch der Weg „Männer besser in Mathe = Männer generell schlauer als Frauen“ nicht weit. Und das ist ganz klar diskriminierend und nicht wahr.

Aber woran liegt es denn nun, dass Frauen schlechter in mathematischen Prüfungen abschneiden als Männer? Der „Stereotype threat“, der auch bei Christians Evolutionsblog angesprochen wird, scheint mir, die ich eine typische weibliche Sozialisation genossen habe, komplett mit allen möglichen „Mädchen können das nicht“, recht plausibel. Den Herren, die das untersuchen jedoch nicht. David Leary und Gijsbert Stoet weisen darauf hin, dass Studien, die angeblich nachgewiesen haben, dass Männer in Mathematik aufgrund des Geschlechtsvorurteils besser sind, methodische Fehler wie das Fehlen einer männlichen Kontrollgruppe aufweisen und/oder ungeeignete statistische Verfahren eingesetzt haben. Zudem werde in vielen Studien überhaupt kein wissenschaftlicher Beweis für das Stereotyp angeboten.“
 
Einen wissenschaftlichen Beweis haben wahrscheinlich die meisten Frauen vorher auch nie gehört, warum auch, das ist ja Allgemeinwissen…

„Zwar könne das Stereotyp manche Frauen beeinflussen, konzedieren sie, der Unterschied in den mathematischen Hochleistungen könne damit aber wissenschaftlich nicht erklärt werden.“

Soso.

„Für die Autoren hat die Theorie des „stereotype threat“ daher unbegründet so viel Erfolg bei Wissenschaftlern und Politikern gefunden, die glaubten, dass der Geschlechterunterschied verschwinden werde, wenn das Vorurteil bekämpft wird. „Selbst mit vielen Programmen, die eingerichtet wurden, um dieses Problem zu lösen“, so David Geary, „blieb es weiterhin bestehen. Wir glauben nun, dass das falsche Problem angegangen wird.“ Wenn man Versuchspersonen vor einem Test nahelegt, dass Angehörige einer Gruppe, zu der sie gehören, gewöhnlich bei einem solchem Test schlechter abschneiden, dann sei es nicht überraschend, dass sie dann auch tatsächlich schlechtere Ergebnisse produzieren. Das würde bei Männern genauso geschehen. Nach einer statistischen Überprüfung hätten sie jedenfalls bei den 20 untersuchten Studien keine signifikanten Wirkungen im Sinne der Theorie vom prägenden Vorurteil bemerken können.“ 

Bei welchem wissenschaftlichen Gebiet gibt es denn bitte solche internalisierten Vorurteile bzgl der Leistungen von Männern, wie es hier bei Frauen der Fall ist? Ich meine, die Männer müssen ja auch glauben, dass das tatsächlich common sense ist, bloß weil mir jemand vor dem Test sagt: „Die Ergebnisse werden interessant, weil man ja gemeinhin annimmt, dass Frauen schlechtere social skills besitzen“ tangiert mich das eher peripher, bzw. würde ich mir eher denken: Häh? WTF? Wo?

Es scheint mir, dass wir hier mal wieder einen typischen Fall von: „Stereotype gibts nicht, und wenn beeinflussen sie doch niemanden negativ“ haben, getätigt vom Standpunkt von Wissenschaftlern, die natürlich noch niemals direkt (also sie selbst betreffend) mit diesen Stereotypen konfrontiert worden sind.

„If the stereotype theory is correct, then it should be relatively easy to close the gender gap in maths: just eliminate the stereotype by promoting more female role models.“ 

Hach ja, das klingt ja echt wie ein Kinderspiel, ein paar weibliche Vorbilder in den Bereichen und zack, sämtliche Vorurteile ausgeräumt. Funktioniert ja auch in anderen Bereichen so hervorragend.
Mmmmmpf. Leben diese Männer überhaupt in der selben Welt wie ich?

*But lack of evidence is not the only problem, according to Stoet and Geary. Strategies aimed at tackling stereotype threat are actually doing more harm than good because vital resources are being dedicated to a problem that does not exist, they conclude. „
„The stereotype theory really was adopted as the final word, but even with many programs established to address the issue, the problem has continued.“ said Professor David Geary, Curators Professor of Psychological Sciences in the Missouri University College of Arts and Science. „There are still a disproportionate number of men in top levels of science, technology, engineering and mathematics. We need more women to succeed in these fields for our economy and for our future.“*

Wie lange gibt es jetzt diese Programme? 10 Jahre? Ich kann mich erinnern, als ich auf der Regelschule war, gabs noch keinen Girls Day. Zumindest nicht in unserem Provinznest. 

Vielleicht sollten die Herren Geary und Stoet sich mal bewusst machen, dass die wenigsten Menschen in einem derart aufgeklärten und vorurteilsfreien (*hust*) Umfeld aufwachsen, wie sie vielleicht meinen. Es scheint mir fast so, als hätten wir ein Paradebeispiel des weltfremden Akademikers.

Oder einen Fall von :“Ok, das Herumgetändele mit Antidiskriminierungsgesetzen war ja ganz nett (wird aber langsam nervig), aber wir müssen jetzt doch mal gucken, ob das nicht an was anderem liegt (Frauen können evtl. doch kein Mathe?)“ Das in Klammern gesetzte wird nur gedacht, natürlich nicht ausgesprochen… 😉
Dazu fällt einem kaum noch was ein, ich möchte daher diesen Eintrag mit „How it works“ des weisen Webcomics xkcd beschließen:

(deutschsprachige Quelle, englischsprachige Quelle)

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9 responses to “Frauen, Mathe und der nichtexistente stereotype threat

  • Kinch

    Hey,kleine Anmerkung, beantwortet dein Post nicht zumindest eine Frage selbst: „Bei welchem wissenschaftlichen Gebiet gibt es denn bitte solche internalisierten Vorurteile bzgl der Leistungen von Männern,”Schreibst aber selbst:„sprachliche Fähigkeiten, die naturgemäß eher bei Frauen zu finden seien,”Es scheint hier also zumindest ein Klichee über diese spezifische kognitive Fähigkeit bei Männern im Vergleich zu Frauen zu geben, oder?Ich finde die Ergebnisse hier auch ziemlich suspekt. Das gesellschaftliche Stereotype sehr stark die schulischen und akademischen Leistungen beeinflussen, finde ich evident. Das ist ja nicht nur geschlechtsspezifisch so, sondern der „IQ” — bzw. was man damit auch immer misst — reproduziert meistens doch sehr exakt, die gesellschaftlichen Verhältnisse.In Gesellschaften mit Kasten-System kann man sehr schön sehen, dass der IQ abhängig ist, von der Zugehörigkeit zu einer Kaste. In rassistischen System von der Rasse und in sexistischen eben vom Geschlecht. Ich frage mich, wie solche Phänomene den anders, als über die Sozialisation erklären will.

  • Maren

    *Es scheint hier also zumindest ein Klichee über diese spezifische kognitive Fähigkeit bei Männern im Vergleich zu Frauen zu geben, oder?*Sagt man so, dass Frauen sich Sprache besser aneignen können, andererseits gibt es viele hervorragende Schriftsteller und auch Männer die mehrere Sprachen fließend sprechen (das wird ja auch gerne hervorgehoben, quasi das Universalgenie Mann :))also halt ich das auch eher für nen Strohmann. Ich halte das für ein geschlechtsunabhängiges Talent. Zudem, auch diesen Nachteil, sofern vorhanden, kann man mit Förderung ausgleichen. Ist ja klar, ein Kind mit dem viel gesprochen wird und das zum Lesen angehalten wird, wird viel besser in den entsprechenden Fähigkeiten. Dachte eigentlich dass das allgemein anerkannt. Nur die "maskuline Königsdisziplin" Mathe, da kommt alles auf einmal auf Talent an, nicht auf Übung und Förderung…

  • Kinch

    „Sagt man so, dass Frauen sich Sprache besser aneignen können,”Ironischerweise, gibt es auch die Theorie, dass eine hohe Sprachbegabung mit den mathematischen Fähigkeiten im Konflikt steht, weil das Denken in Sprache und das Denke in Zahlen einander konterkarieren. Aber ich weiß nicht, was ich davon halten soll, insbesondere, weil soweit ich weiß Frauen in der Schule mindestens ebenso gut sind wie Jungen, wenn nicht besser.Hier zeigen sich, glaube ich, aber vor allem auch nationale Unterschiede, was ja eben auch für ein durch die Sozialisation induziertes Phänomen spricht.Erst in späteren Jahren sind Frauen glaube ich, in mathematischen Fächern unterpräsent. Insbesondere scheinen Frauen seltener besonders herausragende Leistungen in dem Bereich zu bringen, etwa den Fields-Preis zu gewinnen. Ich denke, sowas könnte durchaus Multi-Kausale Ursachen haben. Sowohl obsolete Stereotype an denen sich irrational gehalten wird, also auch eine geringere genetische Varianz.

  • Khaos.Kind

    Ach ja. Dass sich das immernoch hält.Muss dann immer an einen Kommentar von (ich glaube mich zu erinnern) ketcar denken, in dem sie einmal Christian fragte, welches "matheintensive" Fach er meint, denn im Mathestudium, das sie kennt, wären etwa gleich viele Männer und Frauen vertreten. Und was denn bitte matheintensiver als Mathe wäre.Eine Antwort darauf bekam sie nicht. Stattdessen verbreitet er weiter seine haltlosen "Argumente" für dieses Vorurteil. Nicht, dass es mich wundern würde…

  • Dominik

    Hallo, ich probiers nochmal:)Meiner Erfahrung nach, passt das auch nicht, dass Frauen schlechter Mathe koennten. Ich studier auch was relativ mathe-lastiges und da sind's auch die Haelfte Frauen dabei oder auch mehr, je nach Vorlesung. Mein Masterarbeitsthema wurde mir auch von ner Frau vorgeschlagen und betreut.. hatte bei ihr auch die mit Abstand lustigste mdl. Pruefung bisher 😀 Aber das waer ne andere Geschichte..Gruss

  • Dummerjan

    Möchtest DU unfähig sein, weil DU unfähig bist, oder möchtest Du unfähig sein, weil DU zu einer bestimmten Menschengruppe gehörst, d.h. nichts persönlich dazu kannst.

    Denk mal scharf darüber nach.

    (Meine Lebenserfahrung ist, dass aus Eigenliebe, die meisten Menschen zu letzterem neigen).

  • Christian

    Kurz zusammengefasst sagt dein Artikel ja, dass du zwar keinen Beleg für eine Beeinflussung durch das Stereotyp hast, es ihn aber geben muss.

    Hier ist auch eine Studie dazu
    http://www.human.cornell.edu/hd/loader.cfm?csModule=security/getfile&PageID=55945

    Despite impressive employment gains in many fields of science, women remain underrepresented in fields requiring intensive use of mathematics. Here we discuss three potential explanations for women’s underrepresentation: (a) male–female mathematical and spatial ability gaps, (b) sex discrimination, and (c) sex differences in career preferences and lifestyle choices. Synthesizing findings from psychology, endocrinology, sociology, economics, and education leads to the conclusion that, among a combination of interrelated factors, preferences and choices—both freely made and constrained—are the most significant cause of women’s underrepresentation.

    • marenleinchen

      *Kurz zusammengefasst sagt dein Artikel ja, dass du zwar keinen Beleg für eine Beeinflussung durch das Stereotyp hast, es ihn aber geben muss.*

      Ähm, du meinst echt dass, wenn jemand von klein auf hört, dass er zu einer Gruppe gehört, die etwas Bestimmtes nicht kann, dieser Mensch dann davon NICHT beeinflußt wird?

      Dass Frauen die mit der sprechenden „Math is hard“- Barbie aufwachsen und Tshirts mit „In Mathe bin ich nur Deko“ und Sprüchen wie „Frauen und Mathe… “ sowie dem geschlechtsneutralen „Mathe ist ein Arschloch“ nicht unbedingt ihre mathematischen Fähigkeiten pflegen fänd ich jetzt sinnig.

      Du nicht?

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