Rattenschwänze

Letztens lag bei uns zuhause eine Zeitschrift mit einer geknechteten Burkatragenden (ich glaube es war ein alter STERN) auf dem Cover rum. Meine Nichte fragte mich daraufhin:
„Warum müssen die denn so einen Schleier tragen und warum dürfen die kein Auto fahren?“

Puuuh. Was sagst du da? Mit einer Erklärung wie: „Das sagt deren Glaube“ würde sie sich nicht zufrieden geben, soll sie ja auch gar nicht, ist ja auch nicht wahr.

Wie erklärt man also einer 8jährigen, dass es Menschen gibt, die meinen dass Männer solche Tiere sind, dass sie beim Anblick von Haupthaar schändend durch die Straßen ziehen? Wie erklärt man ihr, dass etwas dass für sie selbstverständlich ist, wie Auto fahren, für die Frauen in Saudi-Arabien unziemliche Freiheiten bedeuten? Dass der Wert einer Frau in diesen Ländern zum größten Teil aus Jungfräulichkeit und Sittsamkeit bestehen. Dass die Männer 4 Frauen haben dürfen, weil sie Söhne haben müssen/wollen. Tricky. Ich möchte dem Kind ja auch nicht das Weltbild versauen, dass es böse Menschen gibt, die Frauen als per se unterlegene Wesen sehen, lernt sie wahrscheinlich noch früh genug. Ich stotterte also etwas rum und redete am Thema vorbei, sagte glaub ich etwas von Schönheit verstecken und dass sie durch den Schleier auch nicht genug sehen würden um Auto fahren zu können. Und vor allem, dass sie sich glücklich schätzen soll, hier geboren zu sein.

Aber die Fragen bleiben:
Wie erklärt man einem Kind sowas?
Will man in einer Welt leben, in der man einem Kind sowas erklären muss?

Ich bin ratlos.

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6 responses to “Rattenschwänze

  • onyx

    "Ich stotterte also etwas rum und redete am Thema vorbei, sagte glaub ich etwas von Schönheit verstecken"Wie hast du denn das begründet? Oder hat sie da nicht nachgefragt?

  • Maren

    Nee, zum Glück nicht! Da bin ich nochmal davongekommen.

  • Maren

    @BäumchenAber dieser andere Blickwinkel wischt die Ungerechtigkeiten, die gerade in den Ländern mit Vollverschleierung passieren nicht hinweg.Und es geht nicht darum es den Frauen zu verbieten die es wollen. Es geht darum, dass die Frauen gesichtslose Wesen sind, denen es noch nicht mal frei steht ihre Kleidung selbst zu wählen. Ein Recht, dass man bei uns einem 5-jährigen zugesteht, weil es eben ein Ausdruck der Persönlichkeit ist.Und sei ehrlich, wie oft hast du dir schon bei 35 Grad im Schatten, wenn du eine in 4 Schichten gehüllte Muslima gesehen hast, gedacht "Die arme Frau, die muss doch schwitzen wie ein Schwein" Es geht auch nicht um die Kleidung an sich sondern die Gedanken die dahinter stehen, dass die Ehrbarkeit und Sittsamkeit einer Frau ihr höchstes Gut sind, vor allem anderen. Es ist kein Zufall, dass die radikalsten, frauenfeindlichsten Ausläufer des Islam die Vollverschleierung propagieren.

  • Bäumchen

    Was ich damit ausdrücken will ist nicht, Ungerechtigkeiten zu verschleiern hinter einer Art Kulturrelativismus (,,Andere Länder, andere Sitten"). Aber ich finde es wichtig zu hinterfragen, warum wir dazu neigen, unsere Kultur zu glorifizieren (,,ein Recht, das man bei uns … zugesteht")und Frauenfeindlichkeit woanders zu suchen. Unsere Kultur ist frauenfeindlich und ist patriarchal und da müssen wir nicht ins Ausland deuten. Wie oft habe ich es zum Beispiel beim neuen Rassismus alá Sarrazin gesehen, dass die urkatholischsten Traditionalist*innen plötzlich zu Feminist*innen werden, wenn es darum geht, die Unterdrückung der Frauen in irgendeinem arabischen Land anzuprangern. Rhizom (rhizom.blogsport.eu) hat darauf hingewiesen, dass man hier marginalisierte Gruppen gegeneinander ausspielen will, weil der einen plötzlich die Anerkennung gezollt wird, die sie gesucht hat, aber nur auf Kosten der anderen. Also: Mein WUnsch ist es nicht, dass nicht Unterdrückung aufgezeigt wird, wo sie ist. Aber es darf nicht die Reflektion fehlen dazu. Du siehst eine verschleierte Frau und machst dir Gedanken um sie. Aber redest du mit ihr? Glaubst du, die Frauen kämpfen nicht in den arabischen Ländern? Es gibt enorme soziale Bewgeungen dort und eine Politdozentin, die dort war, berichtete, dass die Menschen dort hundertmal politisierter sind als wir hier. Ich glaube, viel besser als politische Vertretung (wir sagen ihnen, wie es laufen muss), ist politische Ermutigung, Anerkennung, das Zollen von Respekt. Und du redest nur von den frauenfeindlichen Ausläufern des Islam. Was ist mit den orthodoxen Christen, den orthodoxen Juden, den christlichen Nonnen? (Das Bild im Artikel fand ich dazu ganz interessant) Du kannst doch den Islam nicht so isoliert darstellen, als ob er allein sich solche Frauenfeindlichkeit leistet. Ich sage das aus dem persönlichen Überdruss in einer evangelikalen Gemeinde gelebt zu haben, in der es mehr und mehr zur geistlichen Pflicht wurde, sich den Kopf während der Versammlung zu bedecken. Oh niemand hat die Frauen gezwungen, schließlich sind das aufgeklärte westliche Frauen. Es ist die verinnerlichte Frauenfeindlichkeit gewesen, die das tat, nicht die, die öffentlich propagiert, dass Frauen minderwertiger ist, sondern die sehr leise und klug daherkommt, von der Verschiedenheit von Mann und Frau zwitschert und jedem seiner Art gebührende Aufgaben und Verantwortlichkeiten zuweist. Die Kopfbedeckung der Frauen im Christentum hat durchaus was mit Unterordnung an den eigenen Mann zu tun und ist für mich viel stärker aufgeladen als das Kopftuch der Muslimas, die es zumeist aus Frömmigkeit tragen. Und wie Antje Schrupp mal gesagt hat, wer kann einem Menschen schon sagen, wie er seinen Gott anbeten soll?Soviel zum Kopftuch. Das eine Burka nochmal ein ganz anderes Thema ist, ist klar. Nur verstärkt es nur Ressentiments, wenn eine Erklärung damit beginnt, ,,wir hier sind besser als die anderen". Ich glaube, ich würde mit Vergleichen anfangen, dem Kind davon erzählen, dass es hier in Deutschland, in Europa ähnliche Auswüchse gab, ähnliche Formen der Verschleierung, ein Modediktat, dem jede Frau unterworfen war. Und dass unsere Rechte heute mit einer Geschichte einhergehen, die eben nicht nur die Frauenkämpfe beinhaltet(denn die gibt es in den arabischen Ländern auch), sondern auch gewisse Zwänge, die aus der Industralisierung und den zwei Weltkriegen herrühren. Und dass die Geschichte in den arabischen Ländern anders verlief, das Verhältnis zur Religion eine andere ist, etc. Ich glaube soetwas hätte ich als Achtjährige verstanden. Du kannst ja Industrialisierung umschreiben.

  • Maren

    *Ich glaube soetwas hätte ich als Achtjährige verstanden.*Das glaube ich nicht. Sie ist ein Kind. Das soll sie auch bleiben. Ich bin zuversichtlich, dass sie bei den Vorbildern die sie bekommt von allein auf die Ungerechtigkeiten stößt. Es käme mir auch falsch vor, sie mit etwas zu belasten was sie nur halb versteht. Das riecht nach Indoktrination. *Nur verstärkt es nur Ressentiments, wenn eine Erklärung damit beginnt, ,,wir hier sind besser als die anderen"*Ich habe nicht gesagt wir sind besser, ich habe gesagt Frauen haben es hier besser. Und da steh ich auch voll hinter. Wenn die Kurze aufwächst wird sie sich ihren Mann/ihre Frau selbst aussuchen dürfen, sie darf einen Führerschein machen und jeden Beruf ergreifen auf den sie Lust hat. Sie wird tragen dürfen was sie will, darf eintreten für was sie will. Sie wird dank ihrer Erziehung die feste Überzeugung haben, gleichviel wert zu sein wie jeder Mann. Sie kann planen wann und ob sie Kinder bekommt. Das ist großartig, das sind Möglichkeiten die viele Frauen nicht haben, und dafür kann man auch schonmal dankbar sein, bevor man sich der Frage zuwendet ob Miniröcke ein Instrument des Patriarchats sind. Ich erwarte mir von Emanzipation mehr als alles andere Normalität. Wenn es nicht mehr heißt "Oh guck mal eine Frau macht XY" dann haben wir es geschafft. Das ist das was ich ihr und später meinen eigenen Kindern mitgeben will. Da es verdammt nochmal normal ist, wenn eine Frau alles machen darf was sie will.

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