Die Jugend von heute!

Seit einiger Zeit muss ich, da ich mir kein Auto mehr leisten kann, den ÖPNV nutzen.
Das hat, neben den Nachteilen (wie z.B. längere Zeit die man für die Wege braucht und langen Wartezeiten bei Wind und Wetter) tatsächlich auch Vorteile zu bieten.
Man sieht einfach mehr von der Welt und den Menschen als wenn man im Auto unterwegs ist.
Das ist mitunter ganz spannend (wie Frau Nessy bestätigen würde).


Da ich ja nunmal Schülerin eines Weiterbildungskollegs bin, muss ich mir Bus und Bahn ausser mit müde und ausgebrannt aussehenden Pendlern, auch mit vielen Kindern jeglicher Altersstufe teilen.
Besonders interessant sind da natürlich die 12-14 Jährigen (darüber und darunter ist relativ uninteressant, aufgrund der fehlenden extremen Hormonschübe).

Ich war relativ schockiert, als ich das erste Mal seit Ewigkeiten wieder Mädchen mit Babyface und 5 Pfund Schminke gesehen habe, dachte mir „Meine Güte, die armen Dinger, schon unter der Fuchtel des Beautydiktats, sie sind doch noch soooo kleeeeeeein! Also ich in hab dem Alter nicht…“ Und an dieser Stelle brach meine Entrüstung weg.

Natürlich hab ich mir in dem Alter alles ins Gesicht geschmiert, was ich zu packen gekriegt habe!
Wegen dem Beautydiktat? Quatsch! Weil´s Spaß gemacht hat! Weil ich erwachsen(er) aussehen wollte. Ich hatte da den „Vorteil“, dass ich immer größer und kräftiger war als andere Mädchen (und, besonders bitter, Jungen) meines Alters und mit 12 schon meine fertig ausgebildeten Möpse hatte.
Bei Spätentwicklern fällt einem natürlich die Diskrepanz zwischen kindlichem Gesicht und  „erwachsenem“ Makeup besonders auf. Und je älter man wird (seufz) desto kindlicher wirken 12jährige natürlich auf den geneigten Betrachter.

Was mir dann als Zweites aufgefallen war, ist wie UNFASSBAR GUT die Mädels (teilweise) geschminkt waren! Kein Vergleich zu meinem dillentatischen Herumgeschmiere in dem Alter! Keine zu hellen Lippenstifte bei zu dunkler Foundation, keine Puderkrümel, kein weißer oder blauer Lidschatten. Diesen Verdienst schreibe ich der Omnipräsenz verschiedenster Beautyblogs und Youtube-Videos zu, ich hätte für sowas in dem Alter gemordet. (Ein schwarzer Kajalbalken auf der unteren Wasserlinie des Auges bleibt natürlich trotzdem obligatorisch 😉 Good old times…)

Zudem ist die Qualität des niedrigpreisigen Drogeriemakeups viel besser als zu meiner Zeit, für ein paar Kröten kann man sich schon ne ordentliche Grundausstattung bei DM besorgen, das gabs zu meiner Zeit auch nicht (ich hatte meine Erstausstattung von dem exklusiven Geschäft Urban, kennt das noch einer? Natürlich geklaut :D) Hach ja, ich werd alt.

Wie gesagt, mit Beautydiktat oder Zwang hat das aber weniger zu tun. Es macht einfach Spaß (immer noch), zu sehen wie man sich selbst mit Schminke verändern kann, wie man die Schönheiten in seinem Gesicht herausstellen kann, während man weniger schöne Features in den Hintergrund rückt. Man kann seine Zugehörigkeit zu der präferierten Jugendkultur zeigen, ich erinnere mich noch an einen dunkellilanen Lippenstift, den ich während meiner 1wöchigen Gruftiephase trug… Bis ich feststellte, dass es einfach kacke an mir aussieht und ich ein viel zu sonniges Gemüt dafür habe.
Aber bis dahin fand ichs toll! 😀

Schminken ist, wie Kaffeetrinken, ein Ritual der Erwachsenen. Dadurch, dass man sich morgens Zeugs ins Gesicht schmiert und ekliges, bitteres Gesöff zu sich nimmt fühlt man sich erwachsen, reif und erfahren. Und es gibt nichts, was man in dem Alter mehr möchte als genau das zu sein.

Von daher seh ich das etwas gelassener, Schminke hat nicht notwendigerweise etwas mit einem negativen Bodyimage oder Übersexualisierung zu tun. Im Gegenteil, dadurch dass man etwas tut, wodurch man sich schön findet, kann man einige pubertätsbedingte Härten abmildern.
Weil, wenn wir ehrlich sind fanden wir uns fast alle mit 13 irrationalerweise potthäßlich. Muß was mit den Hormonen zu tun haben. Das wächst sich auch wieder raus.

Wichtig ist nur, dem Mädel zu vermitteln, dass es kein MUSS ist. Dass es eine spaßige Sache ist und eine tolle Möglichkeit auszuprobieren, wie hübsch dieses „neue“ Gesicht sein kann, eine Möglichkeit sich mit diesem fremden Menschen der einen da anguckt auseinanderzusetzen.

Aber es steht niemand hinter dir, der dich mit Waffengewalt zwingt, von daher muss man erstmal gar nix. Und ganz wichtig: Tu es nur wenn du selbst da Bock drauf hast.

Zusammenfassend würde ich sagen, dass es im Allgemeinen etwas völlig Unschuldiges ist, sich als Teenie zu schminken, ein Hobby. Es sind meist die anderen, die da soviel reininterpretieren.
Also hört einfach mal auf und lasst den Mädels diesen Spaß. 😀  
 

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One response to “Die Jugend von heute!

  • Leszek

    Ich habe persönlich keinen Bezug dazu, dass Frauen sich schminken. Von mir aus, muss das keine Frau tun. Ich selbst stehe eher auf "linke Vogelscheuchen" (um Rene Kuhns Wortschöpfung einmal im Sinne eines Geusenwortes ins Positive zu wenden).In dieser Hinsicht bin ich wohl der geborene Radikalfeminist. :)Bei einer um Objektivität bemühten Herangehensweise an das Thema sollte man natürlich versuchen von sich selbst abzusehen. Ich stimme Christian in diesem Punkt zu, dass das im Schnitt größere Bemühen von Frauen um Schönheit eine evolutionspsychologische Verankerung hat und nicht völlig aberzogen werden kann. Es ist ja gerade einer meiner Hauptkritikpunkte an der Gender Theorie, dass diese dazu tendiert, den Leuten nur die umgekehrte irrationale Über-Ich-Funktion in die Köpfe zu setzen wie der Traditionalismus.Im dem einen Fall: "Sei ganz Mann bzw. sei ganz Frau". Im anderen Fall: "Sei nicht zu männlich, sei nicht zu weiblich." Beides kann dem Individuum nicht gerecht werden, berücksichtigt nicht die breite Variation jeweils innerhalb der beiden Geschlechter. Insofern stimme ich Dir zu, dass Frauen das Recht haben, sich zu schminken, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen.Trotzdem finde ich, dass Du in dem Text den durch die kapitalistische Konsumgesellschaft und ihre Werbeindustrie angestiegenen Druck auf Mädchen und Frauen schön sein zu müssen, zu stark ausklammerst. Mädchen/Frauen bewegen sich ja, was Schönheitsdiskurse angeht, nicht in einem luftleeren Raum, sondern in einem spezifischen soziokulturellen Kontext, der keinesfalls völlig einflusslos bleiben kann. Es ist nicht alles Evolution – kulturelle Einflüsse können biologische Dispositionen mehr oder weniger stark aktivieren und verstärken.Die Einflüsse können subtil aufgenommen werden und trotzdem wirksam sein und dabei durch Verstärkung biologischer Dispositionen bestimmte Einstellungen und Verhaltensweisen induzieren, die sonst in dieser spezifischen Form und in diesem Ausmaß vielleicht nicht auftreten würden.Frauen stehen in jeder Kultur unter besonderem Druck schön zu sein – weil dies für Männer das zentrale Attraktivitätskriterium darstellt – aber dennoch kann das konkrete Ausmaß dieses Drucks kulturell variieren, denke ich.Und in einer kapitalistischen Konsumgesellschaft dürfte der Druck m.E. eher größer sein. Wohlgemerkt, dahinter steht keine Verschwörung des Patriarchats, wie Radikalfeministinnen glauben, sondern das Bestreben der Kosmetikindustrie ihre Produkte abzusetzen sowie allgemein das Bestreben der Werbeindustrie gutes Aussehen für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Dass dies völlig ohne Einfluss bleibt, halte ich für unrealistisch. Ich denke eher, dass die im Schnitt größere natürliche Tendenz von Frauen schön sein zu wollen, hier durch soziokulturelle Einflüsse zusätzlich verstärkt wird. Insofern halte ich zumindest einen gewissen Teil der feministischen Kritik diesbezüglich für berechtigt. Wie so oft ist es schwierig zwischen den beiden Extremen zu navigieren. Radikalfeministinnen, die Mädchen und Frauen verbieten wollen sich zu schminken sind das eine Extrem, die Kosmetik- und Werbeindustrie und ihre Einflüsse das andere Extrem. Bezüglich letzterem finde ich den Text etwas zu unkritisch.

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