Monatsarchiv: Januar 2013

Der Aufschrei der Schäbbigen und Unlustigen. Und Holzbeine.

Man sagt ich sei eine attraktive Frau. Charmant auch. Über nette Komplimente freue ich mich, wie es wohl jeder tut. Ich bin selbstbewusst und souverän.

Es sei denn, jemand wird übergriffig. Stellt unqualifizierte Vermutungen über mein Sexleben an. Unterhält sich mit Körperteilen von mir, statt mit mir als Person. Betitelt mich demütigend. Oder fasst mich gar unerwünscht an.

Darauf reagiere ich selbstbewusst, aber souverän ist das dann trotzdem nicht mehr. Zumindest wenn man einem großen Teil der Reaktionen auf die #aufschrei-Kampagne glauben darf. Souverän wäre wohl Ignorieren („da stehst du doch drüber“) oder humorvoll-ironisches Auf-die-Fingerchen-hauen („Na na, Herr Kommerzienrat, was sagt denn ihre Frau wohl dazu?“). Das tut dem anderen nicht weh, auch muß er sich dankbarerweise nicht damit auseinandersetzen, dass sein Verhalten nicht lustig oder sexy, sondern vielmehr ziemlich kacke ist.

Und das allerwichtigste: Man macht sich nicht unattraktiv, im Gegenteil! Man ist die, die dann schwer zu kriegen ist, bzw die die so herrlich „unemanzipiert“ und „locker“ ist.  Ein keckes junges Ding. „Richtige Frauen“ wissen das. Sie wissen auch, dass man Männer auch mal gewähren lassen sollte, die brauchen das ja, wir Mädels stehen da doch drüber, hab ich Recht? *zwinker-klimper* Und ernsthaft, das tut dir doch nicht weh, wenn man dir auf die Brüste starrt und von einem Klaps auf dem Po ist auch noch keiner gestorben. DA STEHST DU DOCH DRÜBER!!!

Nee. Da steh ich nicht drüber, da bin ich nämlich beteiligt. Es ist nicht ok, wenn sich jemand das Recht rausnimmt, mich respektlos zu behandeln, weil ich im Besitz eines Paars Brüste bin (und nein, ich trage in der Regel keine Ausschnitte bis zum Bauchnabel, bevor DIE Diskussion anfängt).

Man stelle sich nun vor, statt meiner sekundären Geschlechtsmerkmale wäre es, sagen wir, ein Holzbein, das mich von meinem Gegenüber unterscheidet, was diesen dann dazu verleitet, ständig dumme Sprüche zu machen  wie „Na, heute schon dein Holzbeinchen poliert?“ oder „XY soll mal ihr Holzbein zeigen, dann kriegen wir nen Behindertenbonus“ oder mich „Hinki“ nennen oder so. Und alle ohne Holzbein würden ständig auf selbiges starren. Oder versuchen es mal anzufassen. Und wenn ich mich nun deswegen beschwere und mir solche Übergriffigkeiten verbitte, heißt es dass ich mich doch mal locker machen soll. Andere Holzbeinige haben da auch kein Problem mit. Hätt ich halt mein Holzbein nicht mit so nem aufreizendem Lack lackieren sollen. Und überhaupt, SO geil wäre mein Holzbein ja auch nicht, was ich mir denn einbilde ich dummer Krüppel?

Nicht schön oder? Könnte man auch verstehen, wenn Holzbeinige eine Anti-Diskriminierungs-Kampagne starten würden, nich?

Aber nun, werden einige sagen, Menschen mit Holzbein KÖNNEN ja nichts für ihre Holzbeinigkeit! Richtig. Und Frauen können nichts dafür, dass sie offenbar so geil sind, dass viele Männer (in verschiedenen Abstufungen) komplett ihre Kinderstube vergessen und obendrein, dass sie es mit einem Menschen zu tun haben, der verletzt werden kann.

Natürlich könnten die Einen ihr Holzbein gegen eine unauffälligere Prothese tauschen, die Anderen verstärkt darauf achten, dass man so wenig wie möglich sieht, dass sie eine ansehnliche Frau sind.

Aber ich denke jeder sollte sich fragen, ob man in einer Gesellschaft leben möchte, wo für den von der Norm abweichenden (men are the default) Vermeidung von Unannehmlichkeiten zwangsläufig über der persönlichen Präferenz stehen. Stehen müssen.

Good night and good luck.