Monatsarchiv: Mai 2013

Kommt alle, die ihr mühselig und beladen seid…

Ab und an les ich ja doch noch mal die Mädchenmannschaft, da ist mir dieser Artikel  in der Blogschau aufgefallen.

Dort erzählen 4 FeministInnen von ihren Erfahrungen mit Psychiatrie. Ich meine, es reicht ja nicht, dass einem immer wieder unterstellt wird, sobald man sich von seinen psychischen Problemchen distanzieren würde, täte man das mit dem Feminismus auch nicht mehr so streng sehen. Und wie man sich selber mit Feminismus das Leben schwer machen würde. Und man solle doch die Dinge einfach mal lockerer sehen.

Nein, da müssen auch noch diverse, in der Öffentlichkeit des Internetzes stehende FeministInnen ihre Krankheitsgeschichten explizit mit dem Feminismus verknüpfen, und damit allen rechtgeben, die in diesem nur ein Selbsthilfegrüppchen angeknackster instabiler Frauen sehen, die mit ihrem Leben nicht zurechtkommen und dafür einen Verantwortlichen suchen.

Aber sehen wir uns die Artikel einmal an:

Im ersten Artikel geht es um eine Frau, die folgendes schreibt

„Gegen Ende meiner Schul- und zu Beginn meiner Studienzeit hatte ich für mehrere Jahre mit Depressionen und manischen Zuständen mit Wutausbrüchen zu kämpfen. Besonders litt ich aber unter etwas, das als Dysmorphobie bezeichnet wird – eine Körperwahrnehmungsstörung, bei der die Betroffenen die Realität verzerrt sehen und der festen Überzeugung sind, unattraktiv oder entstellt zu sein.“

Die Depression konnte sie mit Medikamenten behandeln, die Dysmorphophobie nicht. Dagegen hat nur die Beschäftigung mit dem Feminismus, speziell Lookismus geholfen. Zitat: „Mir ist mittlerweile bewusst, dass diese Dysmorphobie nicht nur mein privates, individuelles Problem darstellt, sondern ein gesellschaftliches ist.“

Es ist eine Sache zu sagen, dass die Schönheitsideale der Medien übertrieben und unrealistisch sind. Aber diese in einer Weise auf sich zu beziehen, dass man der Meinung ist, als normal aussehender Mensch häßlich, widerlich und in keinster Weise liebenswert zu sein, das ist ein privates individuelles Problem. Eine Dysmorphophobie ist nicht durch die Erkenntnis, dass die Models alle gephotoshopped sind aus der Welt zu bringen. Ebenso wie man eine Depression nicht dadurch heilen kann, dass man einfach nicht so´n langes Gesicht zieht.

Der zweite Artikel befasst sich mit einer/m Borderline-Diagnostizierten, die sich positiv über ihre Klinikerfahrung äußert.

Allerdings relativiert sie/er dann noch: „Meine Diagnose Borderline betrachte ich aus heutiger Perspektive allerdings kritischer. Ich glaube, viele meiner damaligen Probleme sind daraus entstanden, dass ich mit meinem Verhalten nicht der Norm entsprochen habe. Immer hatte ich das Gefühl, selbst das Problem zu sein, selbst falsch zu sein. Heute sehe ich, dass viele Dinge davon strukturell begründet sind. Ich sehe nun, dass meine Wut und das Gefühl der Ohnmacht, nicht wahrgenommen zu werden, auch aus Hierarchien und Dynamiken innerhalb unserer Gesellschaft entstanden sind.“

Also: Nicht ich bin krank, die Welt ist krank. Komplett. Das ist schonmal eine gesunde Sichtweise auf die Dinge. Meine Probleme liegen nicht in meiner Krankheit begründet, sondern dass alle so gemein sind. (Bitte einmal Nr. 5 und Nr. 9 ansehen)   Und dass ich so unbequem bin. Bitte für später merken, da werd ich noch drauf eingehen.

Im dritten Bericht wird die Diagnose nicht genannt, sie sei aber mit 18 in die Psychiatrie gekommen und hätte direkt alles an Medikamenten bekommen, die so auf dem Markt verfügbar gewesen seien, seien es Antidepressiva oder Neuroleptika O.O Die Diagnose hätte sie nicht verstanden. Aber im Anschluß ihr Studium geschmissen . Doof gelaufen. Auf Feminismus wird nicht eingegangen.

Es ist aber der 4. Artikel, der mich von den Socken gehauen hat. Da schreibt das Steinmädchen: „Als ich vor einigen Jahren das erste Mal in die Psychiatrie ging, war ich verzweifelt. Mir ging es sehr schlecht, ich kämpfte jeden Tag. In der Klinik gab es dann eine „störungsspezifische“ Borderline-Therapie. Borderline. Ein Name für meine krassen Gefühle.“

Krasse Gefühle. Soso. Aber weiter.

„In der Klinik lernte ich vor allem, mich nicht zu verletzen. Mit ein bisschen Anerkennung, dass ich das wohl nicht ohne Grund mache. Heute macht mich das wütend. Warum den Fokus darauf setzen, mit etwas aufzuhören, was ich doch so dringend brauchte? Warum als sozialisierte Frau noch lernen, nett und freundlich zu sein?!“

Warum du aufhören sollst dir die Haut aufzuritzen und andere Wege findest mit negativen Gefühlen umzugehen? Warum du lernen sollst mit deiner Wut klarzukommen und sie in produktive Bahnen zu leiten? Hm, ich weiß nicht, damit du eventuell MIT DEINEM Leben klarkommst? Tut mir leid, das hat mich unheimlich wütend gemacht. Da gibt es Menschen, die unheimlich unter sowas leiden, die verzweifelt nach Wegem suchen, ihr Leben zu meistern und glücklicher zu werden (ich kenn da den ein oder anderen), und sie hier suhlt sich darin, so anders zu sein, so speziell, nicht wie die dumpfe Masse, sie hat ja Gefühle, sie schneidet sich die Haut auf, jawollja. Hrrrrrrrrrmpffffff. Wie nennt man sowas nochmal? Sekundären Krankheitsgewinn?

„Ich hätte stattdessen dringend lernen sollen, diese Regeln nicht brav-christlich-bürgerlich-trotz-allem einzuhalten. Ich disziplinierte mich selbst durch Arbeitsblätter, Übungen und Verhaltensanalysen. Nie waren Strukturen verantwortlich. Nie Gewaltorte wie Schule oder gar das Patriarchat. Ich lernte, mich als Problem zu sehen. So übersteht es sich am einfachsten in der Psychiatrie.“

Da haben wir wieder das pathologisch anmutende „Ich KANN ja gar nicht das Problem sein, weswegen mein Leben kacke ist, es ist bestimmt was anderes!“ aus dem 2. Artikel. Und das „Ich bin doch aber nicht krank! Die Gesellschaft ist krank!“

Für eine Bewegung die sich unter anderem auch gegen Ableismus ausspricht ist das ganz schön kacke, wenn eine Diagnose, die einen von gesunden Mitmenschen unterscheidet so abgestritten und verleugnet wird. Eine Krankheit ist nicht das Ende der Welt.

„Später spürte ich die Gewalt dieser Strukturen. Therapieabbruch? Ein Symptom. Geschlechterrollen aufbrechen? Identitätsschwankungen. Wut? Typisch Borderline. Ein „Nein, ich will das nicht!“ wurde zum Zeichen der Verweigerung. Ich lasse mir nicht helfen. Da dreht sich heute noch der Feministin in mir der Magen um.“

Ich würd das auch so sehen, als Laie. Mag sich vielleicht jemand vom Fach dazu äußern? Interessanter wäre natürlich, WARUM sie die Therapie abbrechen wollte? Warum wollen Magersüchtige nicht in die Klinik, wo sie zur regelmäßigen Nahrungsaufnahme gezwungen werden? Warum Alkoholiker nicht in die Klinik, wo sie nicht mehr saufen dürfen. Warum Borderliner nicht in die Klinik, wo ihnen gesagt wird, dass ihre Feindbilder, Wutausbrüche und ihre schicke Ritzerei bedingt durch ihre so außergewöhnlichen Gefühle pathologisch sind, dass man da was gegen machen kann und sollte. Da würden sie ja ihr Alleinstellungsmerkmal verlieren!

„Die Psychiatriezeiten halfen dennoch. Ich brauchte Raum zum Reden – ich fand tolle Mitpatientinnen. Ich brauchte eine Auszeit – ich schlief ein paar Nächte nicht zu Hause. Reden über Erfahrungen von (struktureller) Gewalt. Eine Pause machen können. Das ist nicht viel, doch es gibt kaum Alternativen. Aber Psychiatrie ist nicht feministisch. Und deswegen war der Preis – Entmündigung, Grenzverletzung und Disziplinierung – verdammt hoch.“

Nun ja. Was erwartet man von jemanden, der nicht behandelt werden will.

Es ist so fürchterlich. Es gibt reale strukturelle Benachteiligungen von Frauen, bedingt durch Rollenzuweisungen etc. pp., da müssen wir ja nicht drüber reden. Aber es ist unfassbar kontraproduktiv, wenn die Menschen, die gegen diese eintreten, ihre persönlichen Probleme verallgemeinern, ihre psychische Krankheit als Symptom einer repressiven Gesellschaft darstellen wollen.

Der Feminismus verkommt mehr und mehr zur Selbsthilfegruppe von lebensuntüchtigen Menschen, was wiederum denen in die Hand spielt, die vor 150 Jahren die Forderung nach Wahlrecht mit einer wandernden Gebärmutter in Verbindung setzen wollten. Und was Menschen, die tatsächlich robust genug und wenig Ich-bezogen genug wären, die Forderungen des Feminismus offiziell durchzusetzen, ein allgemeines Sprachrohr zu sein, abschreckt.

Daher meine Bitte: Liebe Mitfeministinnen, lasst doch eure psychischen Schwierigkeiten da wo sie hingehören: Im Privaten.

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