Monatsarchiv: April 2015

Das deutsche Bildungssystem ist gerecht und benachteiligt niemanden! Vol. drölfzig (BAföG)

Studenten sind schon ein lästiges Pack.

Entweder sie sind reiche Töchterchen, die protzend ihre Volvicflaschen zur Schau stellen (wir erinnern uns ) , oder sie sind überanspruchsvolle Arbeiterblagen, die nicht einsehen dass sie sich doch mal bitteschön SO RICHTIG krumm zu legen haben um im Akademikerbusiness mitzuspielen. Oder sind sie doch nur zu faul zum Arbeiten? Der Autor dieses WELT Online Artikels ist sich da selbst nicht so sicher.

Es ist schon fast witzig: Einerseit schreibt Piatov richtigerweise als allererstes, dass dank Bachelorsystem viele Studenten eine 40h- Woche an der Uni haben und die Mieten in Unistädten pervers hoch sind, kommt aber dann zu dem Schluß, dass der Unmut doch daher käme, dass die Studis  ein viel zu hohes Anspruchsdenken hätten, und dass BAföG ja nicht dafür da sei, das Bedürfnis nach veganer Nahrung zu decken. Das mag richtig sein, verkennt aber ganz klar, dass vegane Nahrung (auch bekannt als #nudelnmitketchup) die einzige Alternative für Studenten die ausschließlich von BAföG leben (wovon es dann auch eher wenige gibt) , darstellt.

Die geschätzte Autorin bekommt z.B. ganze 150 EU Ausbildungsunterstützung. Hätte ich nach dem Abitur eine Ausbildung angefangen, fast egal welche, ich bekäme heute, im 2. Lehrjahr das Doppelte. Plus eventuelle Ausbildungsunterstützung vom Amt (BAB). (Was gut und richtig ist!) Nun sagt ihr, aber Maren du wirst doch als Akademikerin später mal das drölfzigfache von dem verdienen, was eine Krankenschwester oder ein Schreiner macht. Nein. Ich studiere Lehramt für Haupt-, Real- und Gesamtschulen. Ich werde nicht am Hungertuch nagen, aber reich wird man, vor allem als nichtbeamtete Lehrerin, auch nicht. Und von der Aussicht auf spätere Reichtümer wird auch meine Semestergebühr nicht bezahlt. Aber ich schweife ab.

Nun, der Auslöser des Artikels war, dass unsere BuBi Ministerin Johanna Wanka sich gegen eine automatisch alle 2 Jahre stattfindende Anpassung des BAföGs, welche sich an Preis- und Einkommensentwicklungen orientierte, ausgesprochen hat. Spitzenforschung stehe hingegen auf ihrer Agenda ganz oben. Zusammengefasst heißt das: Forschereliten kriegen mehr Geld, der Feld-, Wald- und Wiesenstudierende muss gucken wo er bleibt.

Ich und meine Kommilitonen sind keine Forscher. Wir studieren um den folgenden Generationen Mathe und Englisch beizubringen, damit sie später eine gute Ausbildung machen und ihrerseits ihren Beitrag leisten können. Je mehr Zeit wir haben uns mit den Inhalten unseres Studiums auseinandersetzen zu können, umso besser werden wir unseren Job machen können, umso besser werden die nachfolgenden Generationen usw… Und Geld kauft Zeit! Sei es Zeit, die nicht im Nebenjob verbracht werden muss oder z.B. Zeit, die in der Bib eingespart wird, weil man Lektüre auch einfach mal kaufen kann, ohne den Rest des Monats Leitungswasser zu trinken. Das hilft, das macht den Kopf frei für Wichtigeres.

Armut ist keine Motivation für Erfolg mehr, sondern ein Unglück, das eines leistungslosen Ausgleichs bedarf. Man arbeitet nicht mehr, um sich etwas leisten zu können. Man kann sich etwas leisten, weil eine solidarische Gesellschaft nun mal so funktioniert – aber wozu dann überhaupt noch arbeiten? Ausgerechnet die Studenten, die später den Wohlstand des Landes sichern sollen, sperren sich gegen den Leistungsgedanken.

schreibt Piatov in seinem Artikel.  Armut bei Studenten ist allerdings keine Motivation für Erfolg sondern vielmehr Motivation für einen Studienabbruch. Nicht weil man sich das neuste Handy nicht leisten kann, sondern weil man die Semestergebühr nicht zahlen kann. Weil man keine Zeit hatte effektiv zu lernen, wegen den Nachtschichten in der Bar. Die Behauptung dass die Solidargemeinschaft dem Individuum nicht nur Lebensminimum, sondern sogar Wohlstand zukommen liesse ist lachhaft.

Denn die Generation Y ist am Limit. Sie bildet sich ein, nach 40 Stunden Uni müsse tatsächlich Schluss sein. In der Berufswelt beklagt sie dann die mangelnde praktische Erfahrung. Sie will nicht neben der Uni arbeiten müssen – so richtig kann man ja noch nichts.

Ich habe das Glück, einen superguten, flexiblen Arbeitsplatz in einem Nachhilfeinstitut ergattert zu haben, wo ich tatsächlich Erfahrung für meinen späteren Beruf sammele. Was allerdings eine Freundin und Kommilitonin (Englisch und Bio) von mir bei nem Bäcker für ihren späteren Beruf lernen soll, ist mir schleierhaft. Aber sie kann da auch mal ein paar Wochen aussetzen, wenn z.B. Prüfungen sind oder ein Praktikum ansteht. Und es wird einigermaßen bezahlt. Darüber hinaus einen Mehrwert zu erwarten ist Luxus.

Mindestlohn muss aber trotzdem sein, darunter macht man sich die Hände nur ungern schmutzig.

Junge, weißt du wie oft man bei 5 Ocken arbeiten gehen muß, um 400 Euro voll zu kriegen? Wo lebst du bitte?

Während man für Reisen, Zigaretten – selbst gedrehte, man muss ja sparen – und Hobbys gerne sein Geld ausgibt, will man für Bildung nichts bezahlen. Ausgerechnet in Bildung, das Tor zur Gesellschaft, zur Kultur und zu materiellem Wohlstand, ist man nicht bereit zu investieren.

Moment, ich mach mal richtig:

Während man für Auslandseinsätze und Lobbyisten gerne das Steuergeld seiner Bürger ausgibt, will man für Bildung so wenig wie möglich bezahlen. Ausgerechnet in Bildung, das Tor zur Gesellschaft, zur Kultur und zu materiellem Wohlstand, ist man nicht bereit zu investieren.  (Fettungen stammen von der Autorin)

So ist´s besser. 🙂

Auch neben dem Studium zu arbeiten, hat mich nicht benachteiligt. Sicherlich hatte ich weniger Zeit, um auf dem Campus in der Sonne zu sitzen, aber ich machte erste Schritte in der Berufswelt, knüpfte wertvolle Kontakte und füllte meinen Lebenslauf.

„Die Getränkehalle Hadelshuber bedauert das Ausscheiden von Herrn XY und wünscht ihm viel Erfolg auf seinem weiteren Lebensweg“ 😀

Wer die politische Einstellung der Studentenschaft kennt, weiß, wie wenig ihr Lebensläufe, der Leistungsgedanke oder Arbeit im Allgemeinen bedeuten. Genau deshalb ist es an der Zeit, eine neue gesellschaftliche Debatte anzustoßen. Auch das BAföG sollte davon nicht verschont bleiben.

Ahhhh, die rote Gefahr von ganz links. Tjaja, BAföG ist ja quasi Kommunismus. Aber das trifft sich ja, wenn diese Debatte dann tatsächlich die gewünschten Ergebnisse liefert, ist Piatov lange nicht mehr vom BAföG abhängig. Die Chuzpe muss man auch erstmal haben, gegen etwas zu schimpfen, wo man selbst Empfänger ist und von dem man augenscheinlich profitiert. Immerhin steht Piatov nicht unter dem Druck, jeden Scheißjob für 5 Ocken annehmen zu müssen, sondern kann im Nebenjob „Erfahrungen sammeln“ und seinen „Lebenslauf füllen“. Womit er hingegen Recht hat ist, dass die Studenten von heute die Leistungsträger und vor allem Steuerzahler von morgen sind. Der Staat hat ein Interesse an gut ausgebildeten, gut bezahlten Bürgern. Die können auch besser das BAföG zurückzahlen. Weil, das ist das Witzige an einem Darlehen lieber Herr Wirtschaftswissenschaftler: Wird es erhöht dann muss auch ein höherer Betrag vom Individuum zurückgezahlt werden. 🙂 BAföG ist schließlich kein Geschenk des Staates, auch das sieht Piatov richtig. Warum er es argumentativ wie eines behandelt wird wohl sein Geheimnis bleiben

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