Monatsarchiv: Februar 2017

They don´t speak for me II

Erlebende also.

Um ehrlich zu sein, war meine erste Bauchreaktion auf den Text von Mithu Sanyal ein herzhaftes „Ihr habt doch alle den Arsch offen!!!“ Nachdem ich nun einiges dazu nochmal gelesen habe, bleibt diese grobe Einschätzung der Lage und ich bin (wieder mal) nur genervt vom sogenannten akademischen Netzfeminismus.

Das hatten wir doch alles schonmal. Es wurde doch schon soo oft versucht, Vergewaltigungen durch Euphemismen etwas kleiner, etwas bequemer zu machen. Nun sind wir also „Erlebende“. OK.

Trotzdem es natürlich ausgesprochen polemisch ist, haben Kritiker dieses Begriffs nicht unrecht, wenn sie Parallelen zu Begriffen wie „Erlebnispark“ oder „Erlebnisbad“ ziehen. Das Wort „Erlebnis“ ist, entgegen Sanyals Behauptung, in unserer Kultur eindeutig nicht neutral besetzt, sondern hat einen deutlichen Hang ins Positive, es sei denn es wird mit einem negativen Adjektiv verbunden. Die Behauptung , dass durch diesen Begriff eine „Verschiebung vom Passiven zum Aktiven“ stattfände, ist geradezu lächerlich in seiner kompletten Unbelecktheit von Belegen oder Fakten oder irgendwas. Erleben ist fast schon klassischstes Passiv. Es passiert etwas, das ich erlebe. Man merkt, wie sehr Sanyal diesen Begriff eine Legitimität zusprechen will, ob es Sinn macht, ist dann eher zweitrangig. So erpicht ist sie, dass auch jeder diesen aktiv-Schwachsinn schluckt, diesen Unfug von der Wertneutralität, dass sie es dann auch noch wiederholt, wie man das ja auch von Gebrauchtwagenhändlern gewohnt ist.

Weiterhin spricht sie davon, dass bei dem von ihr vorgeschlagenen Begriff „noch keine Aussagen über Motivationen und Rollenverteilungen“ gemacht werden.

Und da platzte mir der Arsch.

Wie kann diese Frau es auch nur WAGEN, von Motivation zu reden, als hätte ich ein Mitspracherecht gehabt, von Rollenverteilungen, als ob ich mich hüten müsste, ein Geschlechterklischee zu erfüllen („Vergewaltigt zu werden ist soooo 50er!“)

Es ist einer Vergewaltigung inhärent, dass das Opfer passiv ist, dass sich jemand über seinen Willen hinwegsetzt. Ich habe meine besten Jahre damit verbracht, diese Tatsache mit meinem Selbstbild als kompetentes Subjekt in Einklang zu bringen. Ich habe mich bis vor kurzer Zeit vor dem Opferbegriff mit Händen und Füßen gewehrt und es hat mich nicht stabiler gemacht, nicht stärker. Im Gegenteil sogar.

Inzwischen habe ich zu einem gewissen Grad meinen Frieden damit gemacht, es ist Teil meiner Biographie und das kann ich akzeptieren, wie ich meine mittelmäßige Note in der mündlichen Abiprüfung akzeptiere. Der Unterschied ist, dass ich mir meine Vergewaltigung nicht ausgesucht habe. Es ist einfach passiert und ich konnte nichts dagegen tun. Das ist gruselig, ich weiß. Menschen haben gerne die Illusion, dass sie stets die volle Kontrolle über ihr Leben haben, aber: Schlimme Dinge passieren. Und du kannst nichts dagegen tun. Aber es entwertet dich nicht, Opfer geworden zu sein. Bloß weil du in diesen Momenten ein passives Objekt für jemanden warst, heißt das nicht, dass das für den Rest deines Lebens dein Schicksal sein muss. Es heißt nicht, dass du kein selbstbestimmtes Leben führen kannst. Aber dieser kleine Teil deines Lebens wird immer fremdbestimmt gewesen sein und damit musst du irgendwie ins Reine kommen.

Insofern empfinde ich diese Euphemismen für unfassbar rückschrittig. Wie kann bitte die Akzeptanz und Empathie für Vergewaltigungsopfer erhöht werden, indem man einen Begriff verwendet, der stark impliziert, dass sie Anteil an dem Leid haben, dass ihnen widerfahren ist? Wir leben immer noch in einer Welt, in der Opfern vorgeworfen wird, dieses Verbrechen herausgefordert zu haben, oder nicht? Und wenn es nicht die Tat selbst ist, dann der Umgang damit. Ich hatte alles richtig gemacht, ich habe Normalität gesucht, weitergemacht, mich nicht im Selbstmitleid gesuhlt und die Kommentare, wie bewundernswert und stark ich wäre, genossen. Gleichzeitig hatte ich Panikattacken und soziale Schwierigkeiten, für die ich ebenfalls, objektiv betrachtet, nichts konnte. Erst als ich akzeptieren konnte, dass ich zwar schwach und passiv war, aber es TROTZDEM falsch war, ein Verbrechen an meinem Leib und Leben verübt worden war, dass es in der Sache eben keinen Interpretationsspielraum gibt, ging es mir besser.

Natürlich kann mein Weg dahin keine Handlungsanweisung für jeden sein, aber ich denke, dass nicht wenige mit derselben Selbstverachtung und denselben Zweifeln zu kämpfen haben, und da ist es mEn wichtig, sich keine Euphemismen zu suchen, sondern sich der Tatsache offen zu stellen.Aber ich schweife ab.

Bemerkenswert ist ebenfalls, was für einen Unsinn Sanyal zum Thema Trauma verzapft:

Wer möchte, dass die Krankenkasse eine Therapie nach sexualisierter Gewalt bezahlt, braucht die psychiatrische Diagnose Trauma. Dadurch wird jedoch ein Trauma, das von außen zugefügt wurde, zu einer seelischen Wunde, und damit in dem Traumatisierten selbst begründet.

Wie allein durch die Diagnose ein  Trauma von außen zu einer im Patienten selbst begründete (!) Wunde wird, erschließt sich mir nicht. Das ist glaube ich Unsinn. Gefährlicher Unsinn noch dazu, impliziert es doch, dass das Opfer durch ein Hilfsgesuch eine Art von Schuld auf sich nimmt.

In eine ähnliche Richtung geht die juristische Bezeichnung „Geschädigte*r“, im­pli­ziert sie doch, dass Geschädigte einen Schaden zurückbehalten. Und „Betroffene*r“ hört sich so … betroffen an.

Haha, da hat sie noch einen Lacher eingeflochten, brilliant. Betroffen! Das ist so 80er Ökospeak! (Ernsthaft?)

Ich halte Sanyal insgesamt für eine mäßig begabte Autorin, die nicht in der Lage ist, ihre Thesen unmissverständlich auszudrücken, die sprachlich nicht in der Lage ist, zwischen Fakt und ihrer Meinung zu unterscheiden und eine gewisse ärgerliche Selbstgefälligkeit an den Tag legt. Ich kenne ihr Buch nicht, vermute aber, dass sie leider auch nur ein zusammengeschustertes Halbwissen besitzt.

Das ist allerdings kein Verbrechen und daher wehre ich mich dagegen, wenn irgendeine Blitzbirn unter meinen 5 Lesern nun meint, einen Grund zu haben, Sanyal Drohungen zu schicken. Wir verstehen uns, ja?

Good night and good luck

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